Bildung als Anker in Unsicherheit – mein Hilfsprojekt in Karachi
Seit nunmehr drei Jahren unterstütze ich eine lokale Hilfsorganisation in Karachi, die in den ärmsten Stadtteilen vier Schulen betreibt. Rund 1.000 Kinder – Mädchen und Buben, unabhängig von Religion oder Herkunft – erhalten dort täglich Zugang zu Bildung, Struktur und einer realistischen Perspektive auf ein selbstbestimmtes Leben.
Eine dieser Schulen befindet sich in einem afghanischen Flüchtlingscamp. Das Camp war über Jahre ein provisorischer, aber funktionierender Zufluchtsort für Familien, die vor Krieg, Gewalt und politischer Instabilität aus Afghanistan geflohen sind. Die Schule war dabei weit mehr als ein Lernort: Sie war ein stabilisierendes Element für Kinder, Eltern und das gesamte soziale Gefüge des Camps.
Der abrupte Bruch
Im vergangenen Jahr kam es zu einer staatlich angeordneten Räumungs- und Abschiebeaktion. Die pakistanische Regierung deportierte kurzfristig alle afghanischen Flüchtlinge ohne gültige Papiere. Ohne Übergangsfristen, ohne soziale Abfederung, ohne Rücksicht auf individuelle Schicksale.
Von einem Tag auf den anderen blieb die Schule leer.
Kinder, die bereits mehrfach auf der Flucht waren, wurden gezwungen, erneut alles zurückzulassen. Viele kehrten in ein Afghanistan zurück, das ihnen weder Sicherheit noch Perspektive bietet. Andere standen vor der Entscheidung, eine neue, oft noch gefährlichere Flucht zu beginnen. Zurück blieb Leere – räumlich, menschlich und moralisch.
Recht als Ausrede, nicht als Verantwortung
Solche Entscheidungen werden formal mit Gesetzen, Normen und Vorschriften begründet. Inhaltlich sind sie jedoch Ausdruck einer politischen Haltung, die Ordnung über Menschlichkeit stellt und Recht als Rechtfertigung für fehlende Humanität nutzt.
Gerade in Zeiten globaler Krisen zeigt sich, dass Recht allein keine Weisheit ersetzt. Regeln sind notwendig. Aber ohne ethischen Kompass werden sie kalt, technokratisch und letztlich zerstörerisch.
Weisheit statt bloßer Regelkonformität
Diese Situation hat mich an einen TED-Talk eines amerikanischen Wissenschaftlers und Psychologen erinnert, der sich mit dem Begriff der Weisheit beschäftigt. Seine zentrale These: Weisheit beginnt dort, wo Menschen über kurzfristige Eigeninteressen, starre Regelwerke und ideologische Reflexe hinausdenken – und Verantwortung für das größere Ganze übernehmen.
Bildung ist ein zutiefst weiser Akt. Sie wirkt langfristig, präventiv und nachhaltig. Sie reduziert Fluchtursachen, stärkt Gesellschaften von innen und gibt Menschen Werkzeuge an die Hand, statt Almosen.
Warum ich dieses Projekt weiter unterstütze
Gerade weil politische Rahmenbedingungen volatil sind, braucht es zivilgesellschaftliches Engagement, das verlässlich bleibt. Schulen können geschlossen werden. Kinder können vertrieben werden. Aber der Wert von Bildung bleibt. Dieses Hilfsprojekt ist für mich kein karitatives Feigenblatt, sondern eine bewusste Investition in Stabilität, Würde und Zukunft. Nicht aus Mitleid, sondern aus Überzeugung. Humanität zeigt sich nicht in Sonntagsreden, sondern in konsequentem Handeln – auch dann, wenn es unbequem ist. Karitative Arbeit ist leider nicht immer erfüllend oder „gut auszuhalten“. Sie ist oft unangenehm. Die Eindrücke wirken nach. Sie lassen sich nicht abschütteln, nicht rationalisieren, nicht wegorganisieren.
Besonders schwer wiegt, dass ich Kinder, die ich in den letzten Jahren regelmäßig gesehen habe, heuer nicht wiedersehen konnte. Keine Abschiede, keine Erklärungen – sie waren einfach nicht mehr da. Diese Leerstelle ist mehr als eine statistische Veränderung oder eine operative Herausforderung. Sie ist ein persönlicher Verlust und ein stilles Zeugnis politischer Entscheidungen, die abstrakt getroffen werden, aber konkret in Kinderleben eingreifen.
Gerade diese Unbequemlichkeit ist jedoch Teil der Wahrheit karitativer Arbeit. Wer hinsieht, kann sich nicht immer distanzieren. Wer Verantwortung übernimmt, muss aushalten, dass nicht alles lösbar ist – und dass manches bleibt.
Vielleicht ist genau das der Punkt: nicht wegzusehen, auch wenn es schmerzt. Und dennoch weiterzumachen.